Aktion Friedensdorf Mönchengladbach
Mönchengladbacherin hospitiert in integrativer Schule in Ghana: Ein Interview über ihre Erfahrungen
 

Interview mit Sandra Lubda zu ihrem Aufenthalt in Offinso, Ghana (Mai - Juli 2009)

Die junge Mönchengladbacherin Sandra Lubda (22) wusste schon seit langem, dass sie beruflich einmal mit Kindern arbeiten wollte. Nach dem Abitur absolvierte sie ein freiwilliges soziales Jahr in einem Familienzentrum und ergänzte die gemachten Erfahrungen durch ein dreimonatiges Praktikum in einem Körperbehindertenzentrum. Die dann noch verbliebene Zeit bis zu ihrer Ausbildung zur Erzieherin mit begleitendem Studium nutzte sie, um sich einen großen Wunsch zu erfüllen: Nach Afrika zu gehen und zwar nicht als Touristin sondern buchstäblich „mitten rein“. Im Interview mit Katrin Nickels von der Aktion Friedensdorf – Kinder in Not e.V. (AFD) erzählt sie den Weg dorthin und berichtet von ihren Erfahrungen:

AFD: Frau Lubda, was hat Sie Sie bewogen, ins Ausland und speziell nach Ghana zu gehen?

Sandra Lubda (SL): Afrika hat immer schon fasziniert. Allerdings wollte ich nie als Tourist dorthin sonder immer mit Menschen vor Ort arbeiten und schauen, wie die fremde Kultur auf mich wirkt. Die freie Zeit vor meiner Ausbildung bot die ideale Gelegenheit, etwas Sinnvolles zu tun. Ghana habe ich wegen der ruhigen politischen Umgebung und dem bekannten friedvollen Miteinander der unterschiedlichen Kulturen ausgewählt. Ich hoffte, hier eine Möglichkeit zu finden, mit kleinen Kindern arbeiten, z.B. in einem Heim.

AFD: Wie sind Sie auf die Aktion Friedensdorf gekommen?

SL: Meine Mutter hatte in Rheinischen Post über die Aktion Friedensdorf – Kinder in Not e.V. gelesen und mir davon erzählt. Ich habe mich dann initiativ beworben und war nach einem Gespräch mit Helmut Göbels gleich begeistert über die hohe Transparenz und die Effizienz dieser rein ehrenamtlichen Tätigkeit. Während ich hier sofort Antworten auf meine Fragen bekam, haben sich andere Organisationen auf meine Mails nicht gemeldet oder andere wesentliche Kriterien nicht erfüllt. Auch konnten sie mir bei einer Arbeit vor Ort nur wenig Kontakt zur Bevölkerung in Aussicht stellen. Und das war doch gerade mein Ziel! Herr Göbels erzählte mir von Ihrer Unterstützung der Integrativen Schule der „Sisters of the Immaculate Heart of Mary“ (IHM) in Offinso und ich war sofort begeistert.

 

AFD: Wie wurde Ihr Aufenthalt entwickelt und geplant?

SL: Nach dem Gespräch mit Helmut Göbels hat dieser eine Anfrage an die leitenden Schwestern der Schule gestellt. Diese waren ursprünglich etwas zurückhaltend und schilderten die örtlichen Verhältnisse sehr realitätsnah und als anspruchsvoll für Europäer. Ich war von der Offenheit gleich begeistert und konnte die Bedenken zerstreuen. Nachdem die formale Seite geklärt war, ging alles ganz schnell. Nana Ossei, ein Chief (König) der Ashanti aus dem Distrikt, in dem die Schule liegt (...und Kontaktmann der AFD vor Ort, der durch sein Studium in England auch die europäische Kultur gut kennt) war im Mai 2009 zu Besuch in Mönchengladbach und bot mir an, gemeinsam mit ihm zurück zu fliegen. Das konnte ich natürlich nicht ausschlagen! So konnte ich in der bestmöglichen Begleitung nach Ghana reisen und fühlte mich stets in guten Händen! Meine zukünftigen Aufgaben und auch die Aufenthaltsbedingungen waren mir allerdings zu dem Zeitpunkt noch unbekannt! Ich wusste nur, dass ich 2 Monate bleiben würde.

AFD: Mit welcher Erwartungshaltung sind Sie abgereist?

SL: Bewusst blauäugig! Mein Anspruch war es, die Herausforderung anzunehmen, alle Vorurteile über Afrika zurück zu lassen und ganz unbefangen und neugierig dorthin zugehen.

AFD: Was waren Ihre ersten Eindrücke vor Ort?

SL: Nach der Landung überwog zunächst das Unbehagen, als Weiße durch die Viertel von Acra zu fahren. Da hat schon sehr geholfen, dass Nana Ossei dabei war. Wir blieben eine Nacht in der Hauptstadt Acra und sind am nächsten Tag nach Offinso weitergefahren. Während ich mich im Auto nun doch als Touristin fühlte, kam ich in den Pausen während der langen Fahrt sofort in Kontakt zu den Einheimischen, die mir jeweils mit größter Freundlichkeit begegneten. Überrascht war ich auch, dass ich nie das Gefühl hatte, von armen Menschen umgeben zu sein. Materiell waren die Schwierigkeiten nach europäischen Maßstäben groß, aber die Herzlichkeit der Menschen, der freundliche Umgang und das Geschick, mit dem Wenigen aus zu kommen und dabei immer fröhlich zu sein, waren bewegend und zeugten von großem inneren Reichtum. Auch wirkte alles ausgesprochen gepflegt.

AFD: Wie wurden Sie willkommen geheißen?

SL: In Offinso bereitete mir die Schule eine ausgesprochen herzliche Aufnahme. Aber: Alle Menschen sahen gleich aus! Wie sollte ich es nur jemals schaffen, die Gesichter zuzuordnen und die Namen auseinander zu halten? Ich wurde vom ersten Moment an sehr umsorgt, war aber dennoch ganz froh, nicht die einzige „Weiße“ dort zu sein und auch von zwei Missionaren auf Zeit, die zudem noch aus Deutschland kamen, begrüßt zu werden! Natürlich gab es auch viele Vorurteile wie z.B. dass Weiße grundsätzlich reich aber auch eher fremden feindlich sind und Schwarze als schmutzig und minderwertig ansehen. Diese Vorurteile wurden allerdings sehr vorsichtig überbracht. Insgesamt war der Umgang geprägt von eine großen Offenheit und Neugierde.

AFD: Wie sah Ihr Arbeitsalltag aus?

SL: Die Schule hat verschiedene Klassen. Ich war in der Kindergartenklasse eingesetzt. Jeder Tag dort war eine Überraschung! Die Klasse hatte 56 Kinder, wobei das jüngste 2 und das älteste 9 Jahre alt war! Dort wird nur Basisarbeit geleistet wie Zahlen und Buchstaben lernen, gemeinsam Lieder singen oder malen und tanzen. Die Kinder werden nach empfundenen Entwicklungsstufen in Klassen zusammen gefasst und verbringen hier gemeinsam den Vormittag (8-14 Uhr).

Es war sehr schön, dass ich Raum hatte, eigene Ideen einzubringen und so habe ich viele neue Dinge mit den Kindern gemacht, die die anderen Methoden völlig begeistert aufgenommen haben. Sogar die Direktorin hat daraufhin gefragt, ob die Sandra wiederkommt! Das war eine tolle Bestätigung für mich!

AFD: Wie funktioniert das Zusammenleben der behinderten mit nicht-behinderten Kinder?

SL: Auf den ersten Blick werden Behinderte zumindest in der Kindergartenklasse etwas benachteiligt, denn sie sitzen häufig in der letzten Reihe und werden nicht richtig gefördert. Dieses liegt daran, dass diese noch junge Schule gerade in den unteren Klassen noch nicht über ausgebildetes Lehrpersonal verfügt. Hieran wird allerdings gearbeitet. Auf der anderen Seite möchte ich betonen, wie wichtig diese Schule für die behinderten Kinder ist, da sie ansonsten überhaupt keine Ansprache und Möglichkeit, zu lernen hätten. Auch der Umgang der nicht-behinderten mit den behinderten Kindern war sehr natürlich!

AFD: Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Beitrag, den die Schule für die Kinder leistet?

SL: Die Schule gibt allen Kindern Raum, Kind sein zu dürfen und dabei auch noch Bildung zu erwerben. Zuhause müssten sie teilweise ganztägig schwere (körperliche) Arbeit verrichten. Die behinderte Kinder werden zudem in die Gemeinschaft integriert. Auch leistet die Schule Aufklärung über Arten von Behinderungen und den Umgang damit.

Schön war es auch zu sehen, wie stark viele Eltern die schulische Ausbildung unterstützen wie wir bei verschiedenen Besuchen in den Elternhäusern der Kinder erleben durften.

AFD: Können Sie das Erlebte mit einem prägnanten Satz beschreiben?

SL: Ich möchte es eher mit einem Gefühl beschreiben: Ghana wirkt wie eine einzige große Familie, die einen immer umsorgt und dabei keinen Halt vor Fremden macht!

AFD: Wenn Sie jetzt mit etwas Abstand auf die Zeit schauen, was haben Sie für sich mitgenommen?

SL: .... dass man aus ganz wenig ganz viel machen kann! Z.B. eine attraktive Unterrichtsgestaltung ohne Materialien bzw. mit den vorhandenen Mitteln. Aber auch die Bedeutung und Wirkung von kleinen Gesten wie Umarmung, Lächeln, Freude schenken und Kitzeln. Das kannten die Kinder nämlich nicht und hatten einen Mordsspaß damit!

Und genau deshalb möchte ich möglichst bald wieder nach Offinso reisen.

AFD: Was würden Sie gleichaltrigen Menschen raten, die sich mit ähnlichen Vorhaben beschäftigen?

SL: Erwartungen und Vorurteile löschen, loslassen und offenen Herzens losgehen!

AFD: Frau Lubda, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses interessante Gespräch!

 

 
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